Eltern von Kindern mit Autismus haben oft eine lange Odyssee durch Arztpraxen hinter sich, bevor sie eine Diagnose und therapeutische Hilfe für ihr Kind erhalten. Auch der Zugang zur Kita oder Schule ist häufig erschwert. Fachleute sprechen heute meist von einer Autismus-Spektrum-Störung*, da Art und Schwere der Beeinträchtigung sehr unterschiedlich sein können.

Ziel und Inhalt der Zusammenarbeit

Um die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus in Speyer und im südlichen Rhein-Pfalz-Kreis zu verbessern, vereinbarten die  Individuellen Hilfen Autismus (IHA) der Kinder- und Jugendhilfe der Diakonissen Speyer mit dem Fachdienst Autismus (FDA) des Kinderzentrums Ludwigshafen eine Kooperation. Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, die wohnortnahe therapeutische Versorgung auszubauen und Wartezeiten zu verkürzen.

Die Speyrer Individuellen Hilfen Autismus (IHA) gibt es seit 2013 und die Mitarbeiter*innen verfügen über  langjährige Erfahrung in der Therapie von autistischen Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Jugendhilfe. Dort werden vor allem  Kinder und Jugendliche betreut, die von einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) betroffen sind, jedoch keine weiteren gravierenden  Entwicklungsstörungen aufweisen. Dazu zählen beispielsweise Kinder und Jugendliche mit  „Asperger-Autismus“ oder „hochfunktionellem Autismus“, die im Alltag häufig weniger stark eingeschränkt sind.

Der FDA ergänzt seit Anfang 2026 dieses Angebot in den Räumen der IHA in Speyer und versorgt Kinder im Vorschul- und Schulalter im Rahmen der Eingliederungshilfe. Dabei handelt es sich insbesondere um Kinder und Jugendliche mit komplexeren Entwicklungsbeeinträchtigungen. Heike Hemmer, Leiterin des FDA, erläutert: „Diese Kinder und Jugendliche haben neben der Autismus-Spektrum-Störung noch zusätzliche Beeinträchtigungen wie etwa Sprachentwicklungs­störungen oder kognitive Einschränkungen.“

Melanie Schindhelm, die Leiterin der IHA in Speyer, lobt die Kooperation und den fachlichen Austausch mit den Kolleginnen aus dem Kinderzentrum.

Angebote von IHA und FDA

Das Kinderzentrum hat für das zunächst auf drei Jahre angelegte Kooperationsprojekt eine Stelle neu geschaffen. Zwei Pädagoginnen mit Zusatzausbildungen in den Bereichen Unterstützte Kommunikation und Autismustherapie sowie eine Ergotherapeutin des Kinderzentrums arbeiten nun an zwei Tagen in der Woche in den Räumen der Kinder- und Jugendhilfe. Derzeit werden 16 Kinder in Speyer betreut und die Warteliste verkürzt sich bereits. Beim Fachdienst Autismus in Ludwigshafen werden rund 150 Kinder und Jugendliche gefördert. Dennoch warten weiterhin viele Familien auf Unterstützung.

Der FDA bietet außerdem eine Eltern-Kind-Gruppe für Vorschulkinder an. Das Spielen und Lernen in der Gemeinschaft ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum späteren Schulbesuch. Für Kinder mit ASS ist dies besonders bedeutsam, da sie soziale Interaktion häufig kleinschrittiger und weniger durch Nachahmung erlernen und Sinneseindrücke anders verarbeiten. Melanie Schindhelm und Heike Hemmer hoffen zukünftig weitere Eltern-Kind-Gruppen etablieren zu können.

Situation von Kindern & Jugendlichen mit ASS

Da es zu wenige Kindertagesstätten gibt, die Kinder mit ASS oder auch anderen Entwicklungsstörungen aufnehmen können, warten betroffene Familien meist lange auf einen Kita-Platz. Auch an Inklusionskräften für den Kita- oder Schulbesuch fehlt es vielerorts. Dabei ist frühe Förderung entscheidend dafür, wie selbständig Betroffene später leben können.

Ursula Zeiser-Graf aus Schifferstadt ist Mutter eines 13-jährigen Sohnes mit Autismus; sie hat über Jahre hinweg um passende Unterstützung für ihren Sohn gekämpft. Es vergingen Jahre bis eine klare Diagnose vorlag. Ihr Sohn konnte schließlich mit sieben Jahren eingeschult werden und besucht heute mit Hilfe einer Inklusionskraft eine Regelschule. Er spielt Fußball in einem Verein und wird zusätzlich durch seine beiden älteren Brüder unterstützt. Eltern und betroffene Kinder stießen, so Zeiser-Graf, oft auf Unverständnis und Missbilligung in ihrem Umfeld, da Autismus äußerlich nicht sichtbar sei und in der Gesellschaft noch zu wenig bekannt und akzeptiert sei.

Autismus‑Spektrum‑Störungen (ASS) sind angeborene neurobiologische Entwicklungsbesonderheiten. Sie zeigen sich vor allem in Besonderheiten der sozialen Interaktion und Kommuni­kation sowie in sich wiederholenden, ritualisierten Verhaltensweisen. ASS gelten heute nicht als Krankheit, sondern als neurodivergente Form des Denkens und Wahrnehmens.

Der Begriff „Spektrum“ beschreibt, dass die Ausprägungen sehr unterschiedlich sein können. Sie reichen von kaum merklichen Besonderheiten bis zu deutlichen Beeinträchtigun­gen im Alltag. Die Diagnose ASS umfasst frühere Unterformen des Autismus wie frühkind­lichen, atypischer Autismus oder das Asperger‑Syndrom.

Etwa ein Prozent der Bevölkerung ist von ASS betroffen; Jungen erhalten häufiger eine Diagnose als Mädchen. Durch verbesserte Diagnostik werden heute mehr Fälle erkannt als früher.

Kernmerkmale, die in unterschiedlicher Stärke auftreten können:

  • Soziale Interaktion: Schwierigkeiten, soziale Signale zu erkennen oder zu deuten; weniger Blickkontakt; Aufbau und Erhalten von Beziehungen erschwert. Weniger Lernen durch Nachahmung
  • Kommunikation: Wörtliches Sprachverständnis, monotone Sprachmelodie, weniger Gestik und Mimik, teils verzögerte Sprachentwicklung oder ungewöhnliche Sprach­muster. In manchen Fällen geringe oder fehlende Lautsprache.
  • Stereotype Verhaltensweisen: Wiederholende Routinen, starkes Bedürfnis nach Struktur, intensive Spezialinteressen, motorische Stereotypien wie Schaukeln oder Wedeln mit den Händen.

Weitere Merkmale können sein:

  • Besondere Wahrnehmung: Menschen mit ASS verarbeiten Sinnes­eindrücke oft anders. Viele berichten von Über- oder Unterempfindlichkeiten gegenüber Geräuschen, Licht oder Berührungen. Das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit hilft, Reizüberflutung zu vermeiden.
  • Psychische Begleitstörungen. Dies können Ängste, Phobien, Schlaf- und Ess­störungen sein sowie herausfordernde Verhaltensweisen, Tic- oder Zwangsstörungen, Aufmerksamkeits­defizit- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) oder auch Depression.

Ursachen

Die Ursachen sind noch nicht ganz verstanden, sie sind biologisch und multifaktoriell. Genetische Faktoren spielen eine große Rolle; die Vererblichkeit wird auf 70–80 Prozent geschätzt. Auch bestimmte genetische Syndrome können das Risiko erhöhen. Ein höheres elterliches Alter kann ebenfalls einen Einfluss haben. Psychosoziale Faktoren – wie Familie und Lebensumfeld – gelten nicht als Ursache.

Diagnose

ASS besteht von Geburt an, wird aber nicht immer früh erkannt. Manche Menschen erhalten die Diagnose erst im Erwachsenenalter. Grundlage sind Verhaltensbeobachtungen, Entwick­lungsgeschichte und standardisierte diagnostische Verfahren.

Unterstützung & Alltag

ASS ist nicht heilbar, aber viele Menschen profitieren von:

  • Strukturgebenden Maßnahmen
  • Kommunikations‑ und Verhaltenstherapien
  • Unterstützung im Alltag, Schule oder Beruf

Mit passender Unterstützung können viele Betroffene ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben führen.

Vertiefte Informationen zu ASS bieten die Websites Bundesverband Autismus Deutschland e.V. oder gesund.bund.de

Kinder-Jugendhilfe-Haus-Diakonissen Speyer (Foto: Kiz-LU)

Gebäude der Kinder- und Jugendhilfe der Diakonissen Speyer. Die Kooperation mit den Individuellen Hilfen Autismus startete Anfang 2026 (Foto: Kiz LU)

Eine Mutter eines autistischen Kindes, Melanie Schindhelm und Heike Hemmer.

Kooperation Diakonissen Speyer (Foto: Kiz LU)

von links: Mutter eines Kindes mit ASS; Melanie Schindhelm, Leiterin der IHA; Heike Hemmer, Leiterin des Fachdienstes Autismus am Kiz (Foto: Kiz LU)

Diakonissen Speyer (Foto: Kiz LU)